Ein Einblick in Karlsruhes Graffiti-Szene: “Wir wünschen uns mit der Stadt einen Austausch auf Augenhöhe”

Die Stadt hat den Graffiti-Künstlern noch zu wenig Möglichkeiten geboten, ihre Werke frei zu entfalten: Das ist zumindest die Meinung der CDU-Bundestagsfraktion in einer Petition an die Stadtverwaltung.

Doch der Platzmangel für Kunst sei gar nicht das Problem, sagt zum Beispiel der Graffiti-Künstler „Baske ToBeTrue“. In der Szene und in Teilen der Stadtverwaltung tut sich zwar einiges, aber das klinge noch nicht genug. „Die Kommunikation mit den verschiedenen Akteuren ist noch verbesserungswürdig“, sagt er im Gespräch mit ka-news.de.

Baske ToBeTrue ist seit über 30 Jahren in der Karlsruher Graffiti-Szene aktiv.

Baske ToBeTrue ist seit über 30 Jahren in der Karlsruher Graffiti-Szene aktiv. | Bild: Gruppenzusammenstellung

Wie die Bühne und die Stadt zusammenkamen

Baske ist seit über 30 Jahren in der Karlsruher Graffiti-Szene aktiv. Er war auch an der Gründung des Hip-Hop-Kulturzentrums „Combo“ beteiligt und ist bis heute einer der Verantwortlichen. „Angefangen hat alles damit, dass ich dort eine Wand für den ehemaligen, leerstehenden Jugendclub gestrichen habe. Da kam schnell die Idee, dass man aus den alten, unbeliebten Räumlichkeiten etwas machen könnte!“

Das Como Hip Hop Kulturzentrum in Karlsruhe.

Das Como Hip Hop Kulturzentrum in Karlsruhe. | Bild: Gruppenzusammenstellung

So hat der Verein Farbschall e. V. und die Combo wurde 2005 schließlich zu einer kommunalen Einrichtung. Sie wird vom Verein ebenso getragen wie von der Mobilen Jugend Karlsruhe und der lokalen Hip-Hop-Szene. „Anfangs waren unsere Ziele hier nur darauf ausgerichtet, die Graffiti-Kultur zu fördern“, sagt Baske.

Doch schon kurz nach der Gründung konnten nicht nur Straßenkünstler, sondern auch Musiker, DJs, Tänzer und Texter mitmischen. Im Kulturzentrum Combo Hip Hop versammelt sich eine ganze Szene. Zudem findet ein internationaler Austausch mit vielen Gleichgesinnten auf der ganzen Welt statt.

Das Como Hip Hop Kulturzentrum in Karlsruhe.

Das Como Hip Hop Kulturzentrum in Karlsruhe. | Bild: Gruppenzusammenstellung

„Team Combo“ beteiligt sich an vielen Aufträgen und Aktionen im Rahmen der Stadtplanung. Dazu gehören der Verein, Vertreter der Stadt, Sozial- und Jugendbehörden, Privatpersonen und Akteure aus der Szene. Die Besetzung ist dynamisch und ändert sich oft je nach Auftragsstatus und Projekten.

Von alten Hasen bis zu Newcomern: Das Graffiti-Netzwerk verbindet

Im vergangenen Jahr fand im Karlsruher Norden die „Expo Station“ statt. Vor dem Abriss der ehemaligen Area C, wo nun das Wohngebiet Greenville entstehen soll, versammelten sich rund 120 Künstler, um mit ihren Spraydosen temporäre Kunst aus den Baulücken zu machen.

Bereits im Vorjahr gab es eine „ExpoStation“, die im Sybel Center der Heimstiftung Karlsruhe in der Südstadt stattfand. Die Idee zu einer solchen Wanderausstellung entstand 2008 im Jugendzentrum Durlach und stammt ebenfalls aus Baskes Feder.

Sowohl lokal als auch international bekannte Sprinkler wie CAN2 waren vertreten. Hier konnte der erfahrenste Pionier dem 14-jährigen Sprössling des Sprayers die Hand schütteln. „Das ist es, was Kultur ausmacht“, sagt Baske: „Man verbindet Menschen und unterstützt sich gegenseitig.“ Ein solches Netzwerk innerhalb der Szene ist wichtig für deren Entwicklung.

Impressionen von der Expo Station 2021 im Bereich C im Karlsruher Norden: Arbeiten des Künstlers Dome.

Impressionen von der Expo Station 2021 im Bereich C im Karlsruher Norden: Arbeiten des Künstlers Dome.

Die lokale Szene rückt zusammen

Was Baske an der Graffiti-Szene in Karlsruhe so besonders findet, ist die gute Harmonie und der Zusammenhalt. “Das funktioniert bei uns sehr gut.” Es gibt einige fitte Künstler in der Stadt, die bereits viel Erfahrung gesammelt haben.

Dazu gehören zum Beispiel Wuam, Dome, Moter, Emesa, „Ceon“, Rene Sulzer und einige mehr. Jeder von ihnen hat einen anderen Charakter und bringt so Abwechslung in die Karlsruher Szene. Die Unterstützung der eigenen Einheimischen ist ihm wichtig, um die nächsten Schritte gehen zu können. „Unsere Infrastruktur zahlt sich bereits aus, muss aber auch gewartet und ausgebaut werden“, sagt Baske.

Impressionen von der Expo Station 2021 auf der Area C im Karlsruher Norden: Arbeiten von Moter und Emesa.

Impressionen von der Expo Station 2021 auf der Area C im Karlsruher Norden: Arbeiten von Moter und Emesa. | Bild: Gruppenzusammenstellung

Engere Vernetzung von Stadt und Szene

Sein Wunsch für die Stadt und die anderen Partner ist daher, dass sich die lokalen Künstler selbst stärker beteiligen. Außerdem wünscht sie sich einen kontinuierlichen Austausch zwischen allen Beteiligten. In der Vergangenheit gab es dafür bereits eine Arbeitsgruppe, die sich gemeinsam um die Anliegen kümmerte.

Sein Wunsch wären gemischte Wiederholungen, zum Beispiel für kurzfristige Graffiti-Projekte. „Aktuell wird das generell vom Kulturausschuss gehandhabt, aber die Verantwortlichen haben kein gutes Bild von der Szene und betrachten sie von außen, was zu abstraktem, projiziertem und teilweise nur oberflächlichem Wissen führt“, so die Künstlerin . , und fügt hinzu: „Stattdessen sollten die Menschen selbst eingebunden werden, die sich mit dem Thema beschäftigen und über die nötige Expertise verfügen.“

Darüber hinaus braucht die Szene auch die Erfahrung und Unterstützung der Stadt und der Partner. “Ein Austausch auf Augenhöhe.”

Impressionen von der Expo Station 2021 im Areal C nördlich von Karlsruhe: seine Arbeit "Ceon" René Schulzer.

Impressionen von der Expo Station 2021 auf der Area C im Karlsruher Norden: Eine Arbeit von „Ceon“ Rene Sulzer. | Bild: Gruppenzusammenstellung

„In der Karlsruher Graffiti-Szene hat sich schon viel getan und vieles ist geplant, aber die Strukturen sind auch sehr komplex und für Außenstehende nicht immer sichtbar. Es ist auch eine emotionale Szene“, sagt Baske. Kultur und Soziales seien seiner Meinung nach bisher zu sehr getrennt worden: “Aber sie gehören zusammen!”

Obwohl Graffiti ein junges Phänomen ist und vielleicht nicht der Hochkultur angehört, ist es dennoch eine relevante Darstellungsform, die ihre Berechtigung verdient hat. Baskes abschließendes Statement lautet: „Wir verdienen den Raum, den Raum und die Ressourcen für mehr Anerkennung!“

Impressionen der Expo Station 2021 im Bereich C im Karlsruher Norden.  Ein Werk des Künstlers Wuam.

Impressionen der Expo Station 2021 im Bereich C im Karlsruher Norden. Ein Werk des Künstlers Wuam. | Bild: Gruppenzusammenstellung

Möglichkeiten sollten gefördert werden

Aber das Thema Graffiti ist ganz anders und hat leider auch einen Haken: Unerlaubte Malerei ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat, die unter Sachbeschädigung fällt. „Gerade deshalb müssen die erlaubten Möglichkeiten noch stärker gefördert werden“, sagt Pauline Gosselin.

Sie ist Absolventin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und hielt mit 13 Jahren ihre erste Spraydose in der Hand. Seitdem ist er von dieser Kunstform fasziniert.

Pauline begann mit Graffiti, als sie klein war.

Pauline begann mit Graffiti, als sie klein war.

„Meine Kreativität trieb mich zum Graffiti, aber für mich war es auch eine Flucht aus der Pubertät, eine Beschäftigung und auch so etwas wie eine Rebellion“, erklärt Pauline. Vor allem durch ihre Kunst hat sie einen Weg gefunden, andere anzusprechen und mit der Öffentlichkeit zu sprechen.

“Mehr als der Fleck”

Ihrer Meinung nach wird das Thema bei den Bürgern leider zu negativ assoziiert. Es macht einen so großen Unterschied, ob Sie die Wand eines Hauses bemalen oder die Kreativität des Malers nicht nur für seine persönliche Entwicklung, sondern auch mit Blick auf die Stadtlandschaft unterstützen.

„Es ist viel mehr als Graben. Wir können mit Graffiti einen riesigen, vielfältigen Begriff zusammenfassen, der so viele Darstellungsformen umfasst und sich auch ständig verändert.“

Pauline Gosselin

Außerdem steht hinter den Gemälden, wie uns Baske in einem Interview erklärte, eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, in der Menschen Zuflucht suchen und Erfüllung finden können.

Ein Künstlername, die eigenen Farben und der persönliche Stil: Viele würden ihr eigens kreiertes Alter Ego nutzen, um anonym Gehör zu finden und sich künstlerisch auszudrücken und weiterzuentwickeln. Es ist sehr wichtig, dass die Stadt dies versteht und stärker umsetzt.

Paulines Idee: Bunte Stromkästen und Töpfe für die Stadt

Daher wünscht sich Pauline, dass sich ihre Heimatstadt Karlsruhe stärker für das Thema einsetzt. Die neuen Gebiete würden automatisch weniger illegale Aktivitäten bedeuten.

Er hat auch eine Idee: “Ich würde mich freuen, wenn man in der Stadt etwas aus Gegenständen wie Elektrokästen oder Blumentöpfen basteln könnte.” Denkbar sind beispielsweise Dekorationen durch Malaktionen für Kinder und Eltern.

Lackierte Elektrokästen

Bild: Bürgerstiftung Dormagen

Obwohl sie weiß, dass das schlechte Image schwer abzuwaschen ist, zeigt sie, dass sie kein Interesse daran hat, mit der Stadt in dieser Frage Kompromisse einzugehen. “Denn gerade jetzt ist unser öffentlicher Raum begrenzt, obwohl er für eine solche Kunstform notwendig ist.”

Hoffentlich sagt er: „Wenn wir im Stadtbild sichtbarer werden, wirkt sich das auch positiv auf die Toleranz uns gegenüber aus.“

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